Was ist Sucht, was Abhängigkeit?

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Jede Abhängigkeit, die nicht durch Abstinenz gestoppt wird, wächst sich auf Dauer zur Sucht aus, zu einem zunehmenden Verfall durch Suchtmittelkonsum. (Eine Ausnahme ist lediglich die rein körperliche Abhängigkeit bei einer stabilen Verordnung von Schmerzmitteln im Rahmen chronischer Schmerzstörungen.)


Was heißt Abhängigkeit?

Abhängige müssen ihrem Suchtmittel gehorchen. Es nimmt sich z.B. jemand fest vor, nur noch so zu trinken, daß er keine Probleme mehr bekommt.  Er schafft das auch oft. Allerdings müßte er sich eingestehen: Er kann nicht mehr voraussagen, wann er es schafft und wann nicht. Egal, wie entschieden er ist, nicht zu viel zu trinken, er hat keinen verläßlichen Einfluß mehr darauf, wie es endet.

Einmal trinkt er am Samstag nachmittag bei Freunden ein Bier, es ist eine nette Geselligkeit, und er nimmt sich fest vor, höchstens das eine zu trinken, weil er noch was wichtiges vor hat – am Abend ist er so angetrunken, daß er das Date mit seiner Traumfrau absagen muß. Sie erfährt den Grund dafür, und das wars…

Ein anderes Mal glaubt er, abends mit den Freunden ein, zwei Bier trinken zu können, ohne daß es wieder ausufert, weil: am nächsten Morgen hat er einen so wichtigen Termin, so doof kann man gar nicht sein, da die Nacht durchzuzechen! – Er zecht die Nacht durch. Er schläft nur zwei Stunden, dann folgt er tapfer dem Wecker, stellt sich unter die kalte Dusche, trinkt starken Kaffee, denkt: „wer saufen kann kann auch arbeiten“, und ist stolz, daß er so einen starken Willen hat. Aber er bedenkt nicht, daß er auch noch mehr als 2 Promille hat. An einer roten Ampel schläft er ein und fällt einer Polizeistreife auf. Der Führerschein ist weg. Der Termin platz. Er wird fristlos entlassen…

Er dachte, selbst bestimmen zu können, wieviel er trank. Doch der Alkohol hatte das letzte Wort. – Wer gehorchen muß, ist nicht selbstbestimmt. Das nennt man Abhängigkeit.

 

Wann muß man abstinent leben?

… wenn man „richtig“ abhängig ist. „Richtig“ abhängig heißt: man kann nie wieder seine Substanz konsumieren, ohne früher oder später erneut Probleme zu kriegen, die man nicht für den Konsum in Kauf nehmen will.

Wie kann man wissen, ob es schon soweit ist? – Wir müssen davon ausgehen, daß es eine große Grauzone gibt, in der man das nicht wissen kann. Ich sage in solchen Fällen: „Ich weiß nicht, ob es bei Ihnen schon soweit ist, daß Sie nie wieder dauerhaft kontrolliert Alkohol konsumieren können, aber alle Faktoren, die für die Entwicklung eines dauerhaften Selbstbestimmungsverlusts bezüglich Alkohol notwendig sind, sind bei Ihnen ansatzweise ausgeprägt.“

Jeder darf ausprobieren, ob er es dann noch kontrollieren kann oder nicht. Aber wenn alle Faktoren für die Entwicklung einer Abhängigkeit ausgeprägt sind, kann ich ein solches Experiment nicht mehr empfehlen. Ich empfehle dagegen, sich zu fragen: „Will ich wirklich, daß mir der Alkohol oder die Drogen so wichtig sind, daß ich dafür was Wichtiges riskiere? Und wenn ja, wie weit ist es dann schon mit meiner Abhängigkeit?“

Woran kann man erkennen, daß alle Faktoren zur Entwicklung einer Abhängigkeit ausgeprägt sind? An Funktionalität, Konsumfolgeproblemen und Legitimationen:

Funktionalität erkennt man an signifikanten Konsumwahrscheinlichkeiten, z.B.: Meist wird am Feierabend getrunken und wenn mal nicht am Feierabend getrunken wird, ist entweder was besonderes los oder man hat einen besonderen Grund, sich das Trinken zu verkneifen und fühlt sich entsprechend unzufrieden, mißbefindlich und ungehalten. – Oder: Es wird meist dann getrunken, wenn eine Sorge zu drückend wird.

Konsumfolgeprobleme sind z.B. der Ärger mit Freunden, Angehörigen, Kooperationspartnern weil man zur Unzeit „bedröhnt“ war; oder Autofahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluß; oder wiederholte Beeinträchtigung der Arbeitsleistung usw…

Lügen und Legitimationen werden nötig, wenn das Konsumverhalten Anstoß erregen würde oder man selber nicht mehr dazu stehen kann. Dann muß man vertuschen, verharmlosen und verheimlichen und sich selbst immer neue Erlaubnisse und Ausnahmegenehmigungen erteilen.Eine „Lüge“ ist bereits: vorsätzlich die andern im Unklaren über die „wahren“ Trinkmengen zu lassen.

Wenn die Faktoren zur Entwicklung einer Abhängigkeit ausgeprägt sind, würde ich nicht mehr groß rumhampeln mit Versuchen ob es doch noch geht, unproblematisch zu trinken, sondern mich für die Abstinenz entscheiden.

Suchtmittel sind kein bedeutender Lebenswert, es lohnt nicht, dafür etwas zu riskieren. Trauen Sie der Komplexität des Gehirns: eine kluge Umgestaltung des Lebenswandels macht Suchtmittel völlig entbehrlich, das Gehirn ist dafür gemacht, ohne Suchtmittel mehr als genug Spaß, und Erholung und angenehme Gefühle zu erzeugen, oder Schmerz, Angst und Depression zu bewältigen, oder zu lernen, in Gesellschaft „lockerer“ zu werden!

Daß Abhängigkeit möglich ist, ist kein Fehler unserer Biologie sondern Folge unserer Stärken: Abhängigkeit ist ein Trainingseffekt. Wir sind so extrem lern- und entwicklungsfähig, daß wir aufpassen müssen, was wir lernen und entwickeln!

 

Was erschwert die Entscheidung für die Abstinenz?

Warum sollte man etwas lassen, das harmlos erscheint aber wünschenswerte Wirkungen hat? Warum sollte man darauf verzichten, solange es keinen guten Grund dafür gibt? – Aber ab wann gibt es einen guten Grund, darauf zu verzichten? In diesem „ab wann“ steckt das ganze Problem:

Lange Zeit fallen alle Erwägungen, ob es schon nötig sei, aufzuhören, zu Gunsten des Alkohols aus: Die Partnerin schimpft? Na gut, aber sie soll sich mal nicht so haben, sie ist doch auch kein Engel! – Die Fehlzeiten im Betrieb nehmen zu? Ach, für den Betrieb tut man doch mehr als genug, und das bei der Bezahlung! Da ist es nicht mehr als recht und billig, mal ne Auszeit zu haben…

Früher hieß es: Süchtige müssen erst ganz unten sein, bevor sie einen guten Grund für die Abstinenz haben. Das Problem war: viele waren an diesem Punkt schon so geschädigt, daß sie nur noch im Heim leben konnten. Suchttherapie hat die Aufgabe, den Betroffenen bei der Willensbildung zu assistieren, wie sie ihr persönliches „Ganz unten“ definieren…

Vor allem Menschen, die sehr tüchtig und durchsetzungsfähig sind, können sich oft nicht vorstellen, daß Alkohol oder Drogen sie fremdbestimmen, zumal sie die Erfahrung gemacht haben, trotz der Beeinträchtigung durch den Substanzkonsum noch genauso gut zu „funktionieren“ wie die andern – wenigstens haben sie das subjektiv so erlebt.

 

Tückische Sonderformen von Abhängigkeit:

„Spiegeltrinker“: Das sind Abhängige, die – abgesehen vom Geruch – nie als solche auffallen, sie trinken ständig, scheinen aber nie beschwipst. – Sie trinken nur soviel, wie sie brauchen, um den Alkoholspiegel konstant zu halten und nicht in den Entzug zu geraten. Sie scheinen voll leistungsfähig und glauben das auch selber. (Würden sie Leistungstests machen, würden allerdings die Ausfälle sichtbar.) Wenn sie nicht trinken, geraten sie in den Entzug, zittern, können sich nicht mehr konzentrieren und nicht mehr klar denken.

Diese Abhängigen merken oft erst, wenn sie schwere körperliche Folgekrankheiten bekommen, wie sehr sie sich durch den Alkohol geschadet haben. Meist sind die Folgeschäden gravierend und tragisch: Leberzirrhose, Schlaganfall, Krebs, Diabethes, Demenz… In vielen Fällen wird niemand die Schäden mit Alkohol in Verbindung bringen: Krebs? Schlaganfall? Demenz? Kriegen doch auch viele, die nie was getrunken haben!

„Quartalssäufer“: Genauer: Episodisch Konsumierende. Das sind Abhängige, die oft weniger Trinktage im Jahr aufweisen, als die meisten Deutschen, die aber, wenn sie trinken, um so exzessiver trinken. Wegen der relativ wenigen Trinktage halten sie ihr Trinken nicht für problematisch. Sie können sich ja immer sagen: „Wir trinken doch insgesamt weit weniger Alkohol als der Durchschnitt!“

Das Problem ist aber: Sie trinken jedes Mal bis zum Rausch, oft bis zum Vollrausch. Das sieht z.B. so aus: viermal im Jahr eine Woche lang jeden Tag zwei Flaschen Schnaps. Damit ruiniert man sich das Gehirn. – Wenn Familie und Arbeitgeber tolerant sind und die Betroffenen nicht zur Selbstkritik in der Lage, bleibt es nicht bei Frequenz und Menge: die Episoden werden häufiger, länger, und die Mengen höher. Irgendwann macht dann irgendwer nicht mehr mit. Hoffentlich zuerst ein Mensch und nicht die Leber oder das Hirn…

Gerade bei episodisch Konsumierenden wird eine nicht störungsspezifische Psychotherapie am wenigsten Erfolg haben. Um die Betroffenen auf die Fährte ihrer hochspeziellen Fehlintuitionen und Verleugnungsstrategien zu bringen, bedarf es jahrelanger Erfahrung in der Arbeit mit Süchtigen.

Hinweis: Ich rate ausdrücklich davon ab, sich oder Angehörigen mit Hilfe meiner Ausführungen selber eine Diagnose zu stellen! Der Sinn dieses Textes ist, Sie bei der Entwicklung eines angemessenen Problembewußtseins zu unterstützen. Diagnose und Indikation gehört in die Hand von Fachleuten. Es gibt hier nicht den geringsten vernünftigen Grund zum „do it yourself“: Es gibt genügend Suchtberatungsstellen mit erfahrenen Fachkräften. Sie beraten auch Angehörige von Abhängigen. Sie können auch gerne in unsere Fachambulanz kommen: PBAM.

 

Kontrolliertes Trinken?

Außer dem Gerücht, daß die Irrlichter um Mitternacht verschwinden, hält sich keines so hartnäckig, wie das, daß es Abhängige gebe, die ihr Suchtmittel wieder kontrolliert konsumieren könnten. Die gibt es nicht! Sollte Ihnen jemand von so jemandem erzählen, dann fragen Sie: Wie lange, in welcher Frequenz und welche Mengen hat der Betreffende früher konsumiert? Wie konsumiert er jetzt? Seit wann? Und wer kontrolliert, ob seine Angaben richtig sind?

Ohne Antworten auf diese Fragen kann man nicht wissen, worum es sich handelt. Auch an wissenschaftliche Studien, die vorgeben, es gebe das Phänomen dauerhaft wiedererlangter Selbstbestimmung bezüglich des Konsums bei ehemals Abhängigen müssen genau diese Fragen gestellt werden.

Was in der Praxis beobachtbar ist, ist das:

  • Manche schaffen es, nach einer längeren Abstinenzzeit eine Zeit lang relativ unproblematisch zu trinken, manchmal ein paar Wochen, manchmal ein paar Monate. Meist wird das Trinken mit der Zeit immer problematischer oder sie bekommen heftige Rückfälle in ihr früheres Trinkmuster, so daß sie schließlich zur Abstinenz zurückkehren.
  • Andere schaffen es mit Mühe, ein unproblematisches Trinkmuster eine Zeitlang stabil zu halten, kehren dann aber freiwillig zur Abstinenz zurück, weil es sich nicht lohnt: In jeder freien Minute dachten sie nur noch an den Zeitpunkt, wann sie wieder trinken „durften“, ihre Lebensqualität war von dem Schmachten nach diesem Zeitpunkt völlig überschattet, sie verwünschten jede Minute, die sie vom Konsum trennte. „Das ist kein Leben“, gestanden sie sich schließlich ein und beendeten den Versuch.
  • Schließlich gibt es noch jene, die „kontrolliert“ Trinken, aber nicht unproblematisch: Sie haben den Konsum in Schmuddelecken verbannt, statt schon morgens trinken sie bloß noch abends, aber dann 3 Liter Bier oder 2 Flaschen Wein – oder sie trinken bloß noch episodisch: 6x im Jahr eine Woche jeden Tag 1-2 Flaschen Schnaps. Auch hier ist die Frage, wie lange so ein Muster stabil bleibt – aber vor allem: was die Konsumenten sich und anderen damit antun…
    Experimente mit kontrolliertem Trinken kann ich nicht empfehlen. Ich habe zu oft Menschen gesehen, die sich damit heftig „die Finger verbrannt“ haben. Das Risiko steht in keinem Verhältnis zum Wert, der dem Konsum welcher Substanz auch immer beigemessen werden kann. – Ich wette, daß von den Menschen, die sich für „kontrolliertes Trinken“ entscheiden, obwohl sie eindeutig als abhängig diagnostiziert wurden, die meisten langfristig zur Abstinenz zurückgekehrt sind, und von dem Rest sind die meisten problematisch am Trinken oder verstorben…

Gemäß der Regel des englischen Aufklärers David Hume halte ich es für sinnvoll bezüglich des „kontrollierten Trinkens“ von folgendem auszugehen: Wenn jemand behauptet, etwas Unwahrscheinliches sei der Fall, dann ist es wahrscheinlicher, daß er lügt, fantasiert oder nicht richtig hingeschaut hat, als daß es tatsächlich der Fall ist. – Daß kontrollierter Konsum für Abhängige in irgendeiner Form dauerhaft wieder gehen sollte, glaube ich nicht. Solange ich nicht selber so einen Fall untersucht habe, gehe ich in jedem Fall, der mir berichtet wird, von Ungenauigkeit oder Gerücht aus.

Fazit

Wer sein Gehirn einmal darin trainiert hat, die Selbstkontrolle auszutricksen, kann nicht mehr davon ausgehen, daß sein Gehirn die Trickserei dauerhaft unterläßt… Wenn Abhängige sich entschließen, die Abstinenz zu beenden, um kontrolliert zu konsumieren, ist das wie: einen Meisterdieb, der es in jede Bank geschafft hat, freilassen, im Vertrauen darauf, daß die Banken diesmal besser aufpassen…

 

Nachtrag 1

Im Internet findet sich die Seite einer privaten Akademie, die Trainer für Kontrolliertes Trinken ausbildet und wissenschaftliche Studien dazu anführt. Sie ist auf den ersten Blick sehr überzeugend zu lesen, doch der Aussagewert der Studienergebnisse wird fachlich unzureichend diskutiert.

Weiterlesen: Die Kontroverse über Kontrolliertes Trinken.

 

Nachtrag 2

Wer unbedingt wissen will, wie es um seine Selbstbestimmung steht, kann den Selbstkontrollbogen der Fachklinik Lindow nutzen. Aber Vorsicht! Er hat nur Aussagewert, wenn Sie damit feststellen, daß Sie es nicht mehr schaffen, Ihren Konsum zu kontrollieren. Ein bischen Kontrolle über eine gewisse Zeit haben viele, zumal solange ein Selbstkontrollprogramm genutzt wird. Die Frage ist: Wie ist es auf Dauer? Sucht hat Zeit…