Das unentdeckte Fabelwesen: der dauerhaft kontrolliert trinkende Abhängige

 

Der dauerhaft ohne Probleme trinkende Alkoholabhängige ist ein noch unentdecktes Fabelwesen. Seine Existenz zu beweisen ist schwer, und bisher noch niemandem gelungen. Was wäre dafür zu tun?

Betroffene, bei denen erfahrene Experten Abhängigkeit diagnostiziert haben, müßten über einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren lückenlos monatliche CDT-Wert-Erhebungen vorweisen. – Angenommen, es gibt jemanden, der über diesen Zeitraum belegen kann, daß sein Konsum nicht entgleist ist, dann ist der Aussagewert immer noch fraglich: Was passiert nach den 10 Jahren? Und trinkt er wirklich unproblematisch, d.h. so, daß er mit diesem Trinkmuster langfristig keine gesundheitsschädlichen oder sozialen Folgen in Kauf nimmt, die der er für den Konsum nicht in Kauf nehmen will? – Und hat er es vielleicht nur deshalb geschafft, kontrolliert zu trinken, weil er es in einer Langzeitbeobachtung beweisen wollte?

„Aber dann wäre immerhin widerlegt, daß es keinen einzigen Abhängigen gibt, der kontrolliert Trinken kann! Es wäre bewiesen, daß manche unter bestimmten Bedingungen doch kontrolliert trinken können!“ – Nein! Diese Aussage enthält eine falsche Verallgemeinerung: Die Bedingung, Versuchsperson in einem Langzeitexperiment zu sein, in dem man „sportlich“ vor Publikum versucht, etwas zu erreichen, was bisher als unerreichbar galt, diese Bedingung ist eine „Singularität“, eine einzigartige Bedingung, für die es im Alltag kein Äquivalent gibt. – „Doch! Die Ehefrau! Was ist, wenn man mit der Ehefrau einen Vertrag macht, ihr jeden Monat CDT-Werte abzuliefern!?“ – Und was ist, wenn man ihr dann mal keinen CDT-Wert abliefert? Ab wievielen fehlenden CDT-Werten wird sie die Scheidung einreichen? Genau diese Frage wird sich ein Abhängiger stellen und sich entsprechende Erlaubnisse erteilen. (Daß diese Rechnung nicht aufgeht, weiß er eigentlich, er denkt aber erst daran, wenn der Brief vom Scheidungsanwalt auf dem Tisch liegt.)

Um die Experimentalbedingung zu neutralisieren, dürften die Versuchspersonen nicht wissen, daß sie Versuchspersonen sind. Aber wie will man das bewerkstelligen? – Und selbst dann bliebe das Problem des Untersuchungszeitraums und der Folgeschäden.

Außerdem reicht es nicht, wenn von 100 Untersuchten ein oder zwei mit ihrer Kontrolle Erfolg zu haben scheinen. Bei einer so geringen Anzahl können wir nicht wissen, ob das mit den Ungenauigkeiten zusammenhängt, die bei jeder Untersuchung unvermeidlich sind, fachdeutsch gesprochen: mit Ungenauigkeiten unterhalb der Grenze der Zuverlässigkeit des Meßinstruments. Die „Ausnahmen“ waren vielleicht falsch diagnostiziert worden und waren gar nicht abhängig; oder Entgleisungen schlagen sich bei ihnen nicht eindeutig genug im CDT-Wert nieder; oder sie haben gepfuscht ohne daß es entdeckt wurde.

Solange es keine sorgfältig designten und durchgeführten Langzeituntersuchungen gibt – die Betonung liegt auf Untersuchungen, den eine Untersuchung reicht nicht, wissenschaftliche Objektivität verlangt „Replizierbarkeit“: es muß sich wiederholt herausstellen, daß ein vorausgesagtes Ergebnis auch wirklich eintritt – solange das nicht gemacht wurde, wissen wir schlichtweg nicht, ob es diese legendären Menschen, die aller Erfahrung widersprechen, tatsächlich gibt: Menschen, die abhängig sind, aber dennoch seit vielen Jahren unproblematisch trinken. Und solange wir das nicht wissen, geht jeder, der versucht, es der Legende gleich zu tun, ein unkalkulierbares Risiko ein. Das ist natürlich erlaubt. Empfehlenswert wäre jedoch, sich zu fragen: Was ist mir denn jetzt am Alkohol so wichtig, daß ich dafür so ein Risiko eingehe?“